Gedenkprogramm 27. Januar

Meine Oma Emma

27. Januar web
"Fürsorgeanstalt Hashude". Foto: Staatsarchiv Bremen
02.02.2022
19:00 Uhr
Referent:in Anja Schmeiser, Joachim Hoppe Veranstaltungsort: Landeszentrale für politische Bildung
Birkenstraße 20/21
28195 Bremen

Diese Veranstaltung findet in Präsenz statt. Zusätzlich wird es einen Livestream geben, den Zugang finden Sie hier:

https://youtu.be/hWzyJ0t5qAs

Wie die junge Bremerin Emma Ukrow wegen 'asozialen' Verhaltens zuerst in ein Fürsorgeheim, dann in Vorbeugehaft und schließlich in das KZ Ravensbrück gekommen ist - und wie sie das alles überlebt hat. Referent*innen: Anja Schmeiser (Enkelin von Emma Ukrow) und Joachim Hoppe (Familie).  

Ab De­zem­ber 1937 war es der Kri­po in Deutsch­land er­laubt, die­je­ni­gen, die „durch ihr aso­zia­les Ver­hal­ten die All­ge­mein­heit ge­fähr­den“ auf dem Wege kri­mi­nal­po­li­zei­li­cher Vor­beu­ge­haft in ein KZ ein­zu­wei­sen. Die­se Will­kür traf auch Emma Ukrow in Mai 1942. Ge­bo­ren wur­de sie 1920 in Fin­ken­wal­de, Kreis Ran­dow (Vor­pom­mern) als Toch­ter von Erich Ukrow und Emma Be­cken. Ei­ni­ge Jah­re spä­ter zieht Erich Ukrow ge­mein­sam mit sei­ner Toch­ter Emma nach Bre­men. Of­fen­sicht­lich wur­den die wech­seln­den Män­ner­kon­tak­te der jun­gen Emma als „aso­zia­les Ver­hal­ten“ ein­ge­stuft. In die­sem Kon­text wur­de die 19-Jäh­ri­ge 1939 we­gen ih­rer Ge­schlechts­krank­hei­ten in ei­nem Kran­ken­haus zwangs­be­han­delt. An­schlie­ßend ver­füg­te das Amts­ge­richt Blu­men­thal für mehr als zwei Jah­re die so­ge­nann­te Für­sor­ge­er­zie­hung im Frau­en­heim „Him­melst­hür“ in Hil­des­heim. Nach ih­rer Ent­las­sung aus dem Heim ar­bei­tet sie in der Gas­tro­no­mie in der Lloyd-Hal­le an der Fau­len­stra­ße, in der sie auch eine Woh­nung be­zieht. April 1942 wird sie schließ­lich in Vor­beu­ge­haft ge­nom­men und im Ge­fäng­nis Os­ter­tor in­haf­tiert. Ei­nen Mo­nat spä­ter wird sie ins Frau­en KZ Ra­vens­brück ver­bracht. Dort er­hält sie die Häft­lings­num­mer 10 937 und ein schwar­zes Drei­eck auf ih­rer Häft­lings­klei­dung. Emma Ukrow ist jetzt of­fi­zi­ell als „Aso­zia­le“ ein­ge­stuft. Sie passt laut den Herr­schen­den nicht in das Bild ei­ner groß­deut­schen Volks­ge­mein­schaft. Im KZ wird sie in ver­schie­de­ne Ar­beits­kom­man­dos ein­ge­teilt. Ab­wech­selnd wird sie u. a. zum Ver­bren­nen von Lei­chen, Baum­fäl­len und Ar­beit in der Rüs­tungs­in­dus­trie ein­ge­setzt. Kurz vor der Be­frei­ung des KZ Ra­vens­brück durch die Rote Ar­mee wird sie ent­las­sen. Sie reist zu ih­rem Va­ter Erich in Bre­men-Far­ge. Der in Herms­dorf bei Ber­lin ge­bo­re­ne Ar­bei­ter war seit 1931 Mit­glied der KPD und we­gen der an­geb­li­chen Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat von 1937 bis 1938 in Les­um und Ve­ch­ta in­haf­tiert. Bis zum Kriegs­en­de 1945 war er bei den Bre­mer Vul­kan-Wer­ken dienst­ver­pflich­tet. Nach der Rück­kehr aus Ra­vens­brück hilft er sei­ner Toch­ter so gut er kann, sich wie­der ein­zu­le­ben. 1947 ent­bin­det Emma ihre ers­te Toch­ter, de­ren Va­ter un­be­kannt bleibt. Emma kann sich je­doch schlecht ein­ge­wöh­nen. Sie wohnt zeit­wei­se in ei­nem Ju­gend­heim in Bre­men-Far­ge, von De­zem­ber 1949 bis April 1950 ist sie ohne fes­ten Wohn­sitz und kommt da­nach für meh­re­re Mo­na­te im Bun­ker der In­ne­ren Mis­si­on am Bahn­hofs­platz un­ter. Schließ­lich hei­ra­tet sie am 10. Juni 1950 Fritz Kris­tens und zieht mit ihm nach Fin­dorff. Dort wird die zwei­te Toch­ter ge­bo­ren. Nach Aus­sa­ge ih­rer Fa­mi­lie er­zieht sie ihre Kin­der mit Kon­se­quenz, gro­ßem Sinn für Ge­rech­tig­keit und lie­be­vol­ler Treue.
Am 9. De­zem­ber 1957 er­hält sie vom Amt für Wie­der­gut­ma­chung den Be­scheid, dass sie nicht „ent­schä­di­gungs­be­rech­tigt“ sei. Emma Kris­tens wird da­mit ein zwei­tes Mal ge­sell­schaft­lich dis­kri­mi­niert. Erst am 13. Fe­bru­ar 2020 be­schließt der Deut­sche Bun­des­tag „Aso­zia­le“ und „Be­rufs­ver­bre­cher“ als Op­fer­grup­pen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus an­zu­er­ken­nen. Für Emma ist das viel zu spät! Am 18. Mai 1964 ist sie be­reits ei­nem Krebs­lei­den er­le­gen. (Text: Spurensuche Bremen).

 

Teilnahmegebühr: Kostenlos Veranstalter: Landeszentrale für politische Bildung Bremen, Erinnern für die Zukunft e.V. BarrierefreiheitACHTUNG: Aufgrund eines defekten Fahrstuhls ist diese Veranstaltung nicht barrierefrei! Kontakt
Tobias Peters E-Mail: tobias.peters@lzpb.bremen.de Telefon: 0421 361 2098
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