Gedenkprogramm: "27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus"

Die Angehörigen sollten über das wahre Geschehen getäuscht werden

27 Januar v3
Sowjetische Kriegsgefangene auf der Baustelle des Bunkers "Valentin", Foto: Johann Seubert, (c) LzpB
06.06.2021
15:00 Uhr
Veranstaltungsort: KulturAmbulanz
Klinikum Bremen-Ost
Züricher Straße 41
28325 Bremen

Johannes Müller, wurde am 31. August 1897 in Geestemünde (heute Bremerhaven) als drittes von insgesamt sechs Geschwistern geboren. Sein Vater Wilhelm, der als Sattlermeister arbeitete, und seine Mutter Charlotte ließen ihn evangelisch-lutherisch taufen. Ab 1904 besuchte Johnannes Müller die achtjährige Volksschule und schloss diese 1912 mit überdurchschnittlich guten Noten ab. Anschließend begann er in Geestemünde eine Ausbildung zum Kaufmann und absolvierte nebenbei die kaufmännische Handelsschule. Ab 1915 arbeitete er in der Schiffswerft Seebeck AG in Geestemünde, bis er im November 1916 zum Militärdienst eingezogen wurde.

Zwei Jahre diente er als Soldat an der Front, bevor er einen Tag nach dem Waffenstillstand am 12. November 1918 als Gefreiter aus dem Militärdienst entlassen wurde. Nach dem traumatischem Erlebnis des Weltkrieges begannen vermutlich seine ersten Leiden. Anfänglich klagte er nur über Magenschmerzen, später kamen noch weitere Beschwerden dazu.

Nach dem Weltkrieg, nahm er seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter in der Schiffswerft wieder auf und verließ diese Ende 1925. Daraufhin arbeitete er als Saisonarbeiter im Heringsimport, unter anderem auch in England. Es folgte eine kurze Zeit der Arbeitslosigkeit. Im Mai 1927 begann er, als Buchhalter und Steuerberater beim Wirtschaftsverband der Landwirte zu arbeiten. Ende 1930 war er aufgrund seiner Leiden nicht mehr arbeitsfähig und begab sich daraufhin zur Behandlung in mehrere Krankenhäuser und Sanatorien.

Am 19. November 1934 stellte sein Hausarzt Dr. Reichelt auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ einen Antrag auf Unfruchtbarmachung. Das folgende Erbgesundheitsverfahren nahm Johannes Müller nicht widerspruchslos hin, sondern legte beim Erbgesundheitsgericht in Verden am 18. März 1935 Berufung gegen das Urteil ein. Das Erbgesundheitsobergericht Celle beschloss, dass Johannes Müller sich zur Klärung, ob es sich in seinem Fall um eine „Erbkrankheit“ im Sinne des Gesetzes handele, in eine selbst gewählte Klinik zu begeben habe.

Johannes Müller begab sich daraufhin vom 4. bis zum 22. November 1935 zur Beobachtung in die Landes-Heil-und Pflegeanstalt Göttingen. Das vom dortigen Oberarzt erstellte Gutachten war für ihn niederschmetternd. Darin hieß es, dass Johannes Müller tatsächlich an Schizophrenie erkrankt und auch gegen seinen Willen unfruchtbar zu machen sei. Daraufhin wurde Johannes Müller am 17. April 1936, nachdem er sich zweimal verwehrt hatte, mit Polizeigewalt ins städtische Krankenhaus eingeliefert und in diesem zwangssterilisiert.

Am 15. Dezember 1936 erstellte der Amtsarzt Dr. Tinschert ein Gutachten, worin er Johannes Müller als gemeingefährlich einstufte und eine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt für nötig erachtete. Dem vorrausgegangen war ein Anruf des Hausarztes Dr. Reichelt, der sich von seinem Patienten beobachtet und bedroht gefühlt hatte. Am 30. Dezember 1936 wurde Johannes Müller in die Heil-und Pflegeanstalt Lüneburg aufgenommen. Wenige Monate später stellte sein Vater, der im ständigen Briefkontakt zu seinem Sohn stand und auch seine persönlichen und geschäftlichen Anliegen erledigte, einen Antrag auf Entmündigung seines Sohnes. Dazu kam es schließlich auch, woraufhin sich der Gesundheitszustand von Johannes Müller weiter verschlechterte.

Johannes Müller wurde am 7. März 1941 zusammen mit 112 weiteren Menschen aus der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg per Bahn in die Tötungsanstalt Pirna Sonnenstein deportiert. Vermutlich noch am selben Tag wurde er dort in der Gaskammer ermordet. Laut Meldekartei der Stadt Bremerhaven verstarb er angeblich erst am 27. März 1941 in der Lungenheilanstalt Hartheim, Oberösterreich. Durch die Fälschung des Todesdatums und -ortes sollten die Angehörigen über das wahre Geschehen getäuscht werden.

Heute erinnert auf Initiative seiner Angehörigen ein Stolperstein in Bremerhaven an das Leben und die Ermordung von Johannes Müller.

Teilnahmegebühr: 5€/2,50€ zzgl. Eintritt Tickets: Anmeldungen über den Veranstalter Veranstalter: KulturAmbulanz Barrierefreiheitbarrierefrei Kontakt
KulturAmbulanz E-Mail: info@kulturambulanz.de Tel. (0421) 408-1757